![]() |
|||
|
"Kommst du auch?"
Tim packte seine Tasche zusammen. Schluss für heute. Viele Hausaufgaben
hatten sie nicht auf. Das würde er schnell geschafft haben. Der Lärm
war wie immer am Ende eines Schultages unbeschreiblich. 28 Stimmen machten
der Anspannung des Vormittags Luft, als sie sich lautstark über die
Mathearbeit unterhielten. Rundherum ein Geklappere, Geraschele und Geklimpere
von Federmäppchen und zuschnappenden Verschlüssen. Dazwischen
das Rumpeln der Stühle, die geräuschvoll an die Tische geschoben
wurden. "Mann, hab ich 'nen Hunger!" Tim steuerte die Bäckerei gegenüber der Schule an, wohl um sich einen Brezel zu kaufen. Martin blieb draußen und musterte das Schaufenster. Wie ein Blitz überraschte ihn seine Idee: Er könnte einen Kuchen backen. Lisa mochte gerne Süßes. Das war es! Und er würde den Kuchen ganz besonders gestalten... Aber zuerst brauchte er ein Rezept. Sicher würde er eines in den zahllosen Kochbüchern finden, die sein Vater in der Küche aufbewahrte. Selten wurden die benutzt. Kauend kam Tim wieder aus der Bäckerei. "Ich hab's!" Martin sah ihn erwartungsvoll an. "Was hast du?" Krachend biss Tim in einen Brezel. "Na, ein Geschenk für Lisa!" Er drehte sich auf dem Absatz. "Ich muss jetzt. Einkaufen und so. Tschöö bis morgen!" Und bevor Tim noch schlucken konnte, trabte Martin davon. Das Backbuch war schnell gefunden. Er blätterte es durch. Da schienen ja Hunderte von Rezepten drin zu sein. Dabei brauchte er nur eines. Ein gutes. Etwas besonderes. Marmorkuchen oder Apfelkuchen - das war zu normal. Und dann fiel sein Blick auf "Maronenkuchen". Da musste er sogar erst mal nachsehen, was denn Maronen sein sollten. Esskastanien waren gemeint, das hatte er schnell herausgefunden. Das klang gut, fand er. Das, und der Umstand, dass er noch nie etwas von so einem Kuchen gehört hatte, ließen in ihm den Entschluss fallen: Das war es. Den würde er backen. Schnell waren die Zutaten aufgeschrieben und kurze Zeit später schob er einen Einkaufswagen durch den Supermarkt. "500g Kastanien im Backofen rösten, schälen, von der Innenhaut befreien und im Mörser zerreiben" stand da. Das hörte sich nach Arbeit an. Und einfach schien es auch nicht zu sein. Au man, das hatte er nun davon. Da fiel sein Blick auf eine Reihe Konservendosen, auf denen groß und deutlich "Maronenpüree" stand. Na also, das war's doch schon. Er packte zwei davon ein. Dann wurde es ernst. Der Backofen war angeworfen, der Tisch bedeckt mit Schüsseln, Mehl- und Zuckerpaketen, Koch- und Backlöffeln und vielen anderen Utensilien. Wie in einer Großbäckerei, ging es Martin durch den Kopf. Jetzt alles vermengt, in eine Form gestrichen und rein in den Backofen. War einfacher, als er sich das zunächst gedacht hatte. Eine halbe Stunde später holte er den Kuchen wieder aus dem Ofen. Sah gar nicht schlecht aus, fand er. "Auf ein Brett stürzen und auskühlen lassen," las er im Rezept. Mit einem schmatzenden Geräusch löste sich der Kuchen aus der Form. Martin hob sie vorsichtig hoch. Da stand er, sein erster Kuchen. Ein Riss bildete sich auf der Oberseite und bevor Martin begriff, was da geschah, fiel der Maronenkuchen mit einem klebrigen Geräusch in zwei Hälften auseinander. Innen war er noch ganz teigig. Da hätte ich wohl doch besser Maronenmehl nehmen sollen, dachte er ernüchtert. Aber was jetzt? Sein Vater war es, der die
rettende Idee hatte. Sie zerteilten den matschigen Kuchenentwurf in viele
kleine Bröckchen, die sie auf einem Backblech verteilten. "Und
jetzt bei niedriger Temperatur ganz langsam trocknen!" Soweit war
sein Vorschlag ja ganz brauchbar. Über anderthalb Stunden ließen sie ihr "Experiment" nun backen: Es wurde ein herrlich duftender Früchtekuchen. Und er hielt zusammen! Nach dem Abkühlen kam Zuckerguss darüber und dann - als Clou sozusagen - legte Martin aus Liebesperlen die Worte "Für Lisa" darauf. Der Kuchen wurde ein voller Erfolg. Als er ihn Lisa übergab, sah sie ihn aufmerksam an. "Den hast du gebacken?" fragte sie ungläubig?" "Klar, eigenes Rezept," grinste Martin, und er hatte Mühe, Lisas Blick standzuhalten. "Alle Achtung." war alles, was sie noch sagte. Martin war zufrieden. Das war mehr als er gehofft hatte. Später, als die meisten schon wieder gegangen waren, kam Lisa auf ihn zu: "Du, Martin, gibst Du mir das Rezept für deinen Kuchen?" Oktober 2001 |
|||