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"Hast du die Neuen schon
gesehen?" "Nö, war'n schon weg, als wir aushatten."
Martin und Tim lehnten am Zaun und dösten in der warmen Nachmittagssonne.
Diese letzten Augusttage hatten es in sich. Heiß noch, aber trocken.
Tim blinzelte in die Sonne. "Und was nun?" Martin zuckte die
Achseln. "Weiß nicht..." Ihre Kickboards lehnten neben
ihnen am Zaun. Staubig schon vom langen Lauf bis hierher. Ein kleiner schwarzer Junge rannte auf den Platz. Er trug einen Ball mit sich. Einen Fußball. Einen neuen Fußball. Einen nagelneuen Fußball. Schwarz - weiß. Einen nagelneuen, schwarz-weißen Fußball. "Ey!" rief Martin. "Komm mal her!" Der Junge blieb stehen. Unsicher sah er herüber. "Zeig mal den Ball!" Es schien als ob er ihn etwas fester halte, ganz so, als befürchte er, ihn abgenommen zu bekommen. "Lass mal sehen, Kleiner," meldete sich auch Martin zu Wort. Gemächlich stieß er sich vom Zaun ab und schlenderte ganz langsam auf den Jungen zu. "Na komm, lass uns mal einen kicken!" Die anderen hatten sich auch vom Zaun gelöst und gingen auf den Jungen zu. Nur Lisa sah noch das Aufflackern von Panik in seinen Augen - dann hatte er den Ball fallen gelassen, sich auf dem Absatz umgedreht und rannte davon, als ob der Teufel hinter ihm her sei. "Heh, dein Ball..." rief Martin hinter ihm her und mit einem kräftigen Anlauf trat er den Ball hinter dem Flüchtenden hinterher. "Oh, oh," Tim verfolgte die Flugbahn. In einem leichten Bogen flog der Ball hinter dem Jungen her. Aber nur ungefähr. Mit einem Geraschel verschwand er in einem Gebüsch auf der anderen Seite des Zaunes. "Scheiße!" entfuhr es Martin. "Warum rennt der denn so? Heee, komm zurück..." Weg war er. Wie ein geölter Blitz. Und weg war auch der Ball. Angestrengt starrten sie in das grüne Gebüsch in der Hoffnung, etwas vom Ball zu sehen. Aber nix. Der war verschwunden. Martin lief mit den anderen
den Zaun entlang. Irgendwo musste es doch rein gehen. An der nächsten
Ecke war es dann: Ein schmiedeeisernes Tor verschloss den Zugang zum Gelände.
Ein Weg führte von hier in einen verwilderten Garten. Hinter ein
paar Bäumen konnte man noch das Dach eines Hauses sehen. Es war noch frisch, als Martin
am nächsten Morgen mit Lisa in den Bus einstieg. "Kommst du
nachher mit, den Ball holen?" fragte er sie. Gerade wollte sie antworten,
da sah sie einen großen schwarzen Jungen, der sich hinter Martin
aufbaute. Er zeigte auf Martin und sah sich um. Hinter ihm stand der kleine
Ballbesitzer von gestern und nickte. Anders als sonst war Martin
gar nicht froh, als er den Gong zum Ende der letzten Stunde hörte.
Vor der Schule wartete Lisa schon auf ihn. "Und - kommst du mit?"
fragte er etwas unsicher. Insgeheim hoffte er, sie möge ja sagen.
"Klar komm ich mit." antwortete sie zu seiner Erleichterung.
"Warte." Kein Kommentar, keine Erklärung, nur einfach "Warte". Und dann schlurfte ein älterer Mann langsam den Weg zum Tor herunter. Quietschend ließ es sich öffnen. Mürrisch wirkte der alte Mann. "Na dann mach schnell und verschwinde wieder!" brummelte der Alte mehr vor sich hin, als zu Martin gewandt. Martin stand der Schweiß auf der Stirn, als sich der Alte wieder auf das Haus zu bewegte. Aber er hatte den Ball. "Ich bring ihn gleich zu diesem Abdir!" entschloss er sich. Das Haus fand Martin am Ende einer Strasse. Obwohl doch fast um die Ecke, war er hier noch nie gewesen. Alle Fenster standen auf, und eine Vielzahl unterschiedlicher Geräusche schien aus den verschiedenen Fenstern zu quellen. Er konnte Fetzen eines fremden Radiosenders hören, dazwischen immer wieder ein paar Takte einer seltsam schwingenden Musik, vermischt mit Bruchstücken vieler fremder Sprachen. Der Geruch exotischer Kräuter wehte ihm in die Nase. Mulmig war ihm schon, als er auf das Haus zu ging. Und dann trat Abdir aus dem Schatten der Eingangstüre. Er sah Martin mit dem Ball unter dem Arm. Irgendetwas rief er hinter sich in das Dunkel hinein. Martin hatte die Türe erreicht und hielt ihm wortlos den Ball hin. "Mitkommen..." bedeutete ihm Abdir. Martin tastete hinter sich und ergriff Lisas Hand. Er fühlte, dass seine Finger feucht waren. Aber das war jetzt egal. Abdir ergriff seine freie Hand und zog ihn hinter sich durch einen langen Flur. Kleine Kinder rannten fröhlich kreischend zwischen ihren Beinen durch. Abdir zog Martin und Lisa in ein kleines Zimmer. Abdirs Brüder saßen grinsend an einem Tisch. Vor ihnen stand eine Schüssel Reis und ein Topf mit einem seltsam fremd riechenden Fleischgericht. Der Geruch regte Martins Appetit an. "Setzen..." deutete der größte auf einen Stuhl. Zögernd ließ sich Martin nieder. Abdir zog noch einen zweiten Stuhl für Lisa an den Tisch. Abdirs Mutter reichte beiden einen Teller mit Reis und Fleisch, dazu einen Löffel. "Essen!" forderte der größere von Abdirs Brüdern die beiden auf. Und als Martin den ersten Bissen runterschluckte, hatte er das seltsame Gefühl, dass alle vier Geschwister verstohlen grinsten. August 2001 |
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